Digitale Grundversorgung

Es ist nur ein Flur, aber er trennt zwei Welten voneinander. Vor zehn Jahren hätte es noch niemand für möglich gehalten, dass es diese beiden Welten überhaupt gibt. Doch die Entscheidung, nach rechts zu gehen, ist eine zukunftsweisende Entscheidung der Tagesschau gewesen. Denn dort, versteckt in einem der vielen grauen Hochhäuser, am Ende eines dunklen, schmalen Flures weist ein Schild auf die Redaktion von tagesschau.de hin. Dieser so im Dunkeln gelegene Teil der Tagesschau hat mittlerweile an Bedeutung gewonnen und bestimmt neben dem Fernsehprogramm das Tagesgeschäft der Nachrichtensendung. Dieser Teil der Tagesschau ist einer von vielen Arbeitsbereichen von Teja Adams geworden. Er ist nicht nur heute Redakteur und Projektmanager und -trainer, sondern betreut während seiner Arbeit für die ARD als Social Media Redakteur auch den Social Media Auftritt der Tagesschau.

Teja Adams: Redakteur, Projekt-Manager & Trainer, ARD

Von Angelina Zander; Studierende B.A. Medienkommunikation & Journalismus

Es ist nur ein Flur, aber er trennt zwei Welten voneinander. Vor zehn Jahren hätte es noch niemand für möglich gehalten, dass es diese beiden Welten überhaupt gibt. Doch die Entscheidung, nach rechts zu gehen, ist eine zukunftsweisende Entscheidung der Tagesschau gewesen. Denn dort, versteckt in einem der vielen grauen Hochhäuser, am Ende eines dunklen, schmalen Flures weist ein Schild auf die Redaktion von tagesschau.de hin. Dieser so im Dunkeln gelegene Teil der Tagesschau hat mittlerweile an Bedeutung gewonnen und bestimmt neben dem Fernsehprogramm das Tagesgeschäft der Nachrichtensendung. Dieser Teil der Tagesschau ist einer von vielen Arbeitsbereichen von Teja Adams geworden. Er ist nicht nur heute Redakteur und Projektmanager und -trainer, sondern betreut während seiner Arbeit für die ARD als Social Media Redakteur auch den Social Media Auftritt der Tagesschau.   

Es ist früh am Morgen. Den halb vollen Kaffee noch in der Hand checkt Teja Adams bereits die Social Media Kanäle. Ist jemand zurückgetreten, gibt es politische Skandale oder einen Terroranschlag? Wie an jedem anderen Morgen auch werden es ihm die gut sortierten Newsletter der Zeitungen und Agenturen verraten. Up to date lautet das Zauberwort, das ihn in seinem Arbeitsleben wie ein nie enden wollendes Echo begleitet. Dann macht er sich auf den Weg. Auf den Weg zum Hochsicherheitstrakt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wer keinen Ausweis hat, hat keinen Zutritt. Darauf achten die Pförtner an der Schranke zum Gelände akribisch. Vorbei an grauen Hochhäusern, auf denen in großen Buchstaben ARD und NDR steht, erreicht er den kleinen dunklen Flur, der ihn zu seinem Arbeitsplatz führt. Ein Pfeil mit der Aufschrift "tagesschau.de" weist schüchtern in die Redaktion. Nach dem dunklen schmalen Flur und den hohen grauen Gebäuden eröffnet sich dort eine andere Welt: Ein helles, geräumiges Großraumbüro. Die einzige Dekoration in diesem Raum sind PCs und Bildschirme, auf denen Nachrichten und E-Mails für die Online-Redakteure flimmern. Die Bildschirme stehen auf langen Schreibtischen oder hängen an den Wänden. Die Tagesschau ist überall. Teja Adams stehen vier Bildschirme gegenüber, zwei Tastaturen und ein Telefon.  Die einzigen Geräusche in diesem lichtdurchfluteten Raum sind ein Flüstern unter Kollegen und das hektische Tippen auf den Tastaturen. Angestrengt sitzen die Redakteure vor ihren Bildschirmen. Sie müssen Nachrichten schreiben, nach aktuellen Entwicklungen Ausschau halten und dürfen dabei die Zeit nicht aus den Augen verlieren. Eine große digitale Uhr über der Eingangstür hilft ihnen dabei. Teja Adams ist einer von ihnen. Die Zeit des Social Media Beauftragte von tagesschau.de ist begrenzt. Ein kurzes Interview, dann muss er zurück an seinen Arbeitsplatz.

Plötzlich wird es unruhig im sonst so stillen Büro. Die Mitarbeiter strömen aus dem Großraumbüro in den schmalen dunklen Flur zur Zehn-Uhr-Redaktionskonferenz. Obwohl er höchstens Platz für zehn Personen bietet, quetschen sich mindestens 15 Leute aus verschiedenen Bereichen in den kleinen Konferenzraum. Aber: Platz für einen riesigen Flachbildfernseher an der Wand ist immer, auf dem wieder tagesschau.de zu sehen ist. Später wird darauf aus Berlin das Hauptstadtstudio zugeschaltet. Zunächst werden die harten Fakten auf den Tisch gelegt. Quotenbesprechung: Welche Artikel haben auf der Webseite und in der App die meisten Klicks generiert? Sie sind die Einschaltquoten der Online-Redaktion. Dann die Themenbesprechung für den Tag. Die Aufgaben der Online-Redakteure sind klar: Aktualisieren, Beobachten, neu schreiben, die Konkurrenz im Auge behalten, Korrespondenten nach Informationen fragen. Die Diskussionen um mögliche Themen sind schnell abgehandelt, und die Redakteure kehren mit ihren Aufgaben hinter ihre Bildschirme zurück.

Dort verbringen sie die nächsten Stunden. Hautnah werden sie die Geschichten, über die sie heute schreiben, nicht erleben. Dafür sind andere zuständig - die Korrespondenten, die sich im Ausland mit politischen Konflikten auseinandersetzen müssen. Die Geschichten von dort erfahren die Online-Redakteure nur über das Telefon. Daraus sollen sie die Artikel für die Homepage und die App entwickeln. Auch Videos und Bilder finden hier Verwendung, um dem Nutzer ein möglichst realistisches Bild vor Augen zu führen. Die Videos spielen für Teja Adams eine besondere Rolle. Als Online-Redakteur muss er die Videosequenzen herausfiltern, die sich für die Social Media Kanäle eignen. Er muss ständig entscheiden, welche Geschichten er in den sozialen Medien spielen will und wie diese aufbereitet werden sollen.

Mit Facebook und Co. erreicht die Tagesschau ein anderes Publikum, als mit der traditionellen Fernsehsendung. Die stellvertretende Redaktionsleiterin Rike Woelk sieht darin einen wichtigen Teil der Grundversorgung, den die Tagesschau als Medium des öffentlich-rechtlichen Rundfunks erfüllen muss. "Unserem Grundversorgungsauftrag als öffentlich-rechtliches Angebot entsprechend, müssen wir alle Menschen in Deutschland erreichen,“ erläutert Rike Woelk, „Aus diesem Grund werden wir auch in die Weiterentwicklung der digitalen Ausspielwege - App, Homepage und Social Media - investieren, um dort die jüngere Zielgruppen zu erreichen und plattformgerecht mit unseren Nachrichten zu versorgen." Plattformgerecht, das bedeutet vor allem, nah am Zeitgeist zu agieren und aktuelle Entwicklungen wie Snapchat nicht aus den Augen zu verlieren. Teja ist sicher, dass sich bald alle Medien auf diese App einstellen müssen. Die Tagesschau probiert viel aus, um den Anschluss nicht zu verlieren. Von Whats App hat sich tagesschau.de schnell wieder distanziert, Instagram dagegen für sich entdeckt und momentan probiert die Redaktion aus, über Facebook mit Live-Videos zu arbeiten. Tagesschau.de ist nicht der Pionier, der Vorreiter für die Nutzung neuer Apps und Möglichkeiten, sondern die Nachrichtenredakteure warten ab, testen und treffen erst dann Entscheidungen, statt unüberlegt überall präsent zu sein. Für Teja Adams gilt: "Be first or be best." Der Social Media Redakteur hat eine klare Vorstellung von seiner Zielgruppe. Den Nutzer der Zukunft stellt er sich so vor: "Er ist mobil und will kürzere Informationen serviert bekommen. Der Austausch mit den Medien selbst wird für ihn wichtiger werden, und daher wird es zwischen den Lesern und den Medien viel mehr Kontakt geben." Teja Adams und seine Kollegen verstehen sich als Orientierungsgeber in der digitalen Welt. Diese Aufgabe wird nach Ansicht des Social Media Redakteurs in Zukunft eine noch eine größere Rolle spielen. "Wir müssen Hintergründe und Einordnungen treffen. Das 'Gate' ist immer offen", so Teja. Das Social Web schläft nicht, ebenso wenig wie die Nachrichten der Welt. Die Arbeit als Nachrichtenredakteur könnte ein 24-Stunden-Job sein, ist er bei der Tagesschau aber nicht. Das Social Media Team ist wachsam, beobachtet und aktualisiert die Kanäle von fünf Uhr morgens bis zwölf Uhr nachts. Und diese 19 Stunden stecken voller Arbeit. Das Internet reagiert sofort auf jede Meldung, jeden Post und jeden Artikel. Die Tagesschau wird mit einem sehr hohen Kommentaraufkommen konfrontiert und betont, dass jeder Kommentar auch gelesen werde.

Die Tagesschau ist kein eingeschlafenes Nachrichtenmedium, das sich vor allem an die ältere Generation richtet. Das wird beim Besuch der Redaktion von tagesschau.de schnell klar. Wer so viele Ressourcen in die Online-Redaktion steckt, meint es ernst mit der Digitalisierung. Facebook, Twitter, Instagram, die Dreifaltigkeit des Online-Journalismus, hat nun auch die Tagesschau erreicht. Auch Teja Adams schätzt die Experimentierfreudigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Er darf viel ausprobieren. Neuerdings ist tagesschau.de auf Instagram unterwegs. Diesen Kanal füllt der Social Media Redakteur während seiner Arbeit für die Nachrichtensendung gelegentlich mit Inhalten. Seine Aufgaben sind Selektion und Aufbereitung. Was interessiert die Community? Wie kann die Tagesschau sie am besten erreichen? Teja Adams weiß, dass die Inhalte in den Social Media-Kanälen anders transportiert werden müssen als im traditionellen linearen Fernsehen. Er spricht Videos und  Bildern mit Zitaten eine größere Wirkung zu als langen Texten. Spannend ist für ihn immer das Neue, das Innovative und das Andere.

Auch wenn tagesschau.de seine Aktivitäten ausweitet, betont Rike Woelk die Bedeutung der Nachrichtensendung im Fernsehen: "Die Tagesschau um 20 Uhr wird jeden Abend von über 10 Millionen Menschen eingeschaltet. Sie ist die Quelle für seriöse und geprüfte Nachrichten für die Menschen in Deutschland und damit das wichtigste Standbein von ARD-aktuell in Hamburg." Eine Konzentration auf die Digitalisierung und damit eine Vernachlässigung des Fernsehens wird es bei der Tagesschau nicht geben. Trotzdem glaubt auch Rike Woelk, dass schon bald keine klare Grenze mehr zwischen Fernsehen und Internet existieren werde.

Webvideos geben hierfür den ersten Anstoß. Die Anforderungen an die Redakteure wachsen. Sie sollen stressresistent sein, sich möglichst in allen gesellschaftlich relevanten Themen auskennen und wissen, wie die unterschiedlichen Ausspielwege der Tagesschau bedient werden. Dies ist insbesondere dann wichtig, wenn neue Wege, wie zum Beispiel Messenger-Dienste ausprobiert oder eingeführt werden sollen. Allroundtalente mit einem ausgeprägten Verständnis für die digitale Welt werden benötigt. Teja Adams ermutigt seine Besucher, sich beruflich in diese Richtung zu orientieren. Wenn es nicht die Generation der Digital Natives tue – wer dann? Die Tagesschau will flexibel bleiben, sich für möglichen Entwicklungen der Zukunft bereit halten, auch wenn die beiden Flure Fernsehen und Internet noch auf absehbare Zeit getrennt voneinander liegen und nicht zu einem verschmelzen werden.