Die Düsseldorfer Potenzialanalyse vielseitig gestaltet

Potenzialanalysen bilden bundesweit den Auftakt von Berufsorientierungsprogrammen für Schülerinnen und Schüler. Neu zugewanderte Jugendliche profitieren bisher nicht immer von den bewährten Instrumenten. Wie kann ein solches Verfahren auf die Bedürfnisse und Voraussetzungen neu Zugewanderter zugeschnitten werden? Wie können Übungen sprachliche Hindernisse überwinden und kulturelle Klippen umschiffen? Diesen Fragen ging ein von der Vodafone Stiftung finanziertes Projekt nach, in dem die Fachhochschule des Mittelstandes für und mit der Stadt Düsseldorf eine neue Form der migrationssensiblen Potenzialanalyse entwickelte. Die wissenschaftliche Leitung des Projekts hatte Professor Dr. Petra Lippegaus-Grünau von der FHM.

Das Ergebnis des Projekts - ein umfangreiches Handbuch - wurde am 12. Juni 2016 in Düsseldorf auf einer Transferveranstaltung vorgestellt.  Die „Düsseldorfer Potenzialanalyse“ ist aufgebaut als modularer Werkzeugkasten, der flexibel in unterschiedlichen Schulformen eingesetzt werden kann und für unterschiedliche Sprach- und Kompetenzniveaus praktische und biografieorientierte Übungen beinhaltet. Das Verfahren kann deutschlandweit in geeigneten Berufs- und Studienorientierungsprogrammen eingesetzt werden.

Die neue vielfältig gestaltete „Düsseldorfer Potenzialanalyse“ zeichnet sich vor allem durch innovative Elemente aus:

Praktische Übungen ermöglichen Kompetenz.

In aktiven Übungen - ähnlich wie bei einem Assessment-Center - erleben und zeigen Jugendliche, wie sie Herausforderungen bewältigen. So verkaufen sie Obst auf dem Markt, bauen zu zweit ein Regal auf oder helfen bei einem Unfall. Geschulte Beobachterinnen und Beobachter untersuchen spezifische Kompetenzen, z.B. die Kommunikationsfähigkeit, motorische Kompetenzen oder Empathie. Auch die Jugendlichen selbst schätzen sich ein, die Fremd- und die Selbsteinschätzung werden in einem Feedbackgespräch besprochen. Alle Übungen sind sprach- und kultursensibel gestaltet: Die Teilnehmenden erhalten eine einfache und systematische Anleitung, die durch Zeichen unterstützt wird. Bebilderte Wörterbücher erklären die zentralen Begriffe. Zu jeder Übung liegen anschauliche und jugendgerechte Zeichnungen vor, anhand derer die Aufgaben erklärt werden. Bei der Formulierung wurde darauf geachtet, dass Aufgaben, Bilder und Worte möglichst für alle Kulturen verständlich sind. Einige Übungen verzichten ganz auf Sprache. Um auch bei noch geringen Sprachkenntnissen eine Selbstreflexion zu ermöglichen, liegen zu jeder Übung gezeichnete Selbsteinschätzungsbögen vor.

Informell erworbene Kompetenzen werden sichtbar.

Stärken junger Menschen – insbesondere aus vielfältigen Kulturen – liegen häufig da, wo wir sie nicht erwarten. Viele neu Zugewanderte haben in ihren Heimatländern schon früh gearbeitet oder mussten auf der Flucht große Herausforderungen eigenständig meistern. Diese Kompetenzen werden durch standardisierte Verfahren meistens nicht erfasst.

Die neue Düsseldorfer Potenzialanalyse schafft deshalb Gelegenheit, auf das eigene Leben zu blicken und darin eigene Stärken zu erkennen. Im Rahmen von Biografiearbeit identifizieren junge Menschen – manchmal in bewegenden Prozessen – was sie schon alles geleistet haben und welche Kompetenzen sie dabei entwickelt haben. Daran schließt sich die Frage an, wie sich diese Kompetenzen in der Arbeitswelt nutzen lassen. Die sogenannte „Kompetenzbilanz“ hat sich als besonders geeignet erwiesen, Ereignisse wie Migration durch eine „stärkenorientierte Brille“ zu betrachten. Damit können Migrations- und Fluchterfahrungen in die schulische Berufsorientierung integriert werden - eine individuelle Beratung und Begleitung sowie eine individuelle Förderung sollen sich anschließen.

Die Idee dahinter: den Jugendlichen stehen heute wechselhafte Berufsbiografien bevor, bei denen es um weit mehr geht als um eine einmalige Berufswahl. Sich selbst zu kennen, Anforderungen zu bewältigen und sich selbst Ziele zu setzen – diese Aufgaben rücken die Person in den Mittelpunkt.

Die ersten Erfahrungen zeigen den Erfolg dieser Idee: Die neu entwickelte Düsseldorfer Potenzialanalyse wurde in Düsseldorf mit fast 600 neu zugewanderten Schüler*innen der Jahrgangsstufe 10 und der Internationalen Förderklassen an Berufskollegs erprobt. Die Teilnehmer*innen reagierten sehr motiviert, sie sahen und nutzen die handlungsorientierten Übungen als Chance, eigene Kompetenzen zu erleben und zu zeigen. Die Kompetenzbilanz bot den Schüler*innen die Möglichkeit, für Beobachter*innen oft unerwartete Arbeitserfahrungen einzubringen, die die Teilnehmenden mit Glück und Stolz erfüllten und sehr gute Anknüpfungspunkte für zukünftige Berufsorientierungsprozesse lieferten. Also alles bestens? Nicht ganz: Die Möglichkeit, über das eigene Leben nachzudenken öffnete oft ein Fenster zu belastenden Erlebnissen. Das Bedürfnis, auch darüber zu berichten, stellte Beobachter*innen zum Teil vor große Herausforderungen. Gleichzeitig zeigte sich, dass auch die Qualität der Anleitung Auswirkungen auf die „Performance“ der Teilnehmer*innen hat. Eine Qualifizierung soll deshalb zukünftig das pädagogische Personal auf die komplexen und interkulturellen Anforderungen vorbereiten.

Das Handbuch mit dem Konzept und allen Übungsmaterialen zur „Düsseldorfer Potenzialanalyse“ steht im Internet zum kostenlosen Download bereit: potenzialanalyse.vodafone-stiftung.de

Prof. Dr. Petra Lippegaus-Grünau im Gespräch mit Vertreter*innen von Schulen und Trägern